Buchrezension

"Grundschnitt" & "Schnittführung"

copyright www.birthe.eu Birthe Sülwald Buchrezension

Bisher habe ich Bücher nur dann erwähnt, wenn sie in meinem Regal standen und ich sie bereits seit Jahren erprobt habe. Nun habe ich das erste Mal ein Rezensions-Exemplar angefordert:

 

Kleider selbst entwerfen mit der Grundschnittmethode

Erstellen und Anpassen von Grundschnitten für Bekleidung aller Stilrichtungen

von Sara Alm, Stiebner Verlag GmbH, 2017

 

Als das Buch ins Haus flatterte, freute ich mich immens, denn ich brauche dringend einen neuen Hosenschnitt und der Untertitel „Erstellen und Anpassen von Grundschnitten für Bekleidung aller Stilrichtungen“ suggeriert mir das Erstellen eines Grundschnittes.

 

In den Büchern, mit denen ich bisher gearbeitet habe, ist ein "Grundschnitt" der Schnitt, den ich als Ausgangsbasis nutze. Ein Grundschnitt wird entweder komplett selbst "aufgestellt" =selbst gezeichnet anhand der eigenen Körpermaße oder es ist ein fertiger Papierschnitt, der auf die eigenen Körpermaße abgewandelt wird. Die Frage in beiden Fällen lautet: Wie mache ich das?

 

Die Enttäuschung ist groß, denn in diesem Buch ist mit einem "Grundschnitt" zwar auch ein Schnitt als Ausgangsbasis gemeint, aber ohne Erläuterungen, wie ich diesen auf meine eigenen Körpermaße ändern und anpassen kann.

 

Ich möchte eine Hose nähen.

Ich habe schon lange keine Hose mehr genäht. Ich möchte mir gerne eine Sommerhose nähen und habe auch eine ungefähre Vorstellung von meinem Modell. Voller Vorfreude fange ich an zu lesen.

 

Leider erfahre ich schon auf Seite 10:

"Anfertigung und Verwendung von Schnittschablonen

Haben Sie einen gut passenden Basisschnitt, fertigen Sie daraus Ihre Grundschnittschablone an. Nehmen Sie sich Zeit dafür, diese gut anzupassen – alle weiteren Entwürfe profitieren daraus."

 

Wie der Basisschnitt angepaßt wird oder wie ich einen gut sitzenden Schnitt erkenne oder zu einem gut sitzenden Schnitt anpasse und verändere, das wird nicht erläutert.

 

auf Seite 137, als Einleitung zu Kapitel 7/ Hosen, heißt es dann:

"Ein gut sitzender Schnitt .... ist schwer zu finden. Nehmen Sie sich bei Verwendung eines Fertigschnittmusters zunächst Zeit für die Korrektur der Passform - dies zahlt sich langfristig aus. ..."

 

Eine gut sitzende Hose selbst herzustellen ist wirklich eine Herausforderung. Einen gut sitzenden "Basisschnitt" habe ich gerade nicht zur Hand, deswegen habe ich dieses Buch bestellt...

 

Bezüglich Hosen: Genauso wie im Buch beschrieben habe ich in der Vergangenheit schon unzählige Fertigschnitte aus preiswerten Stoff zugeschnitten und genäht, um dann den besten dieser Fertigschnitte nach meinen Wünschen abzuändern beziehungsweise aus "gutem" Stoff zu nähen. Das ist viel Aufwand und keine neue Wissenschaft. Es ist auch keine neue Methode.

 

Wie komme ich denn nun von meinen unzähligen Fertig-Hosenschnitten zu einer gut sitzenden Hose? - Früher hat mir meine Schneiderin aus meinem Nähkursus geholfen. Das ging dann immer "ruckzuck" oder ich mußte komplett neu nähen.

 

Sprache ist uneindeutig

"Erstellen und Anpassen von Grundschnitten"

In diesem Buch wird nicht das Anpassen auf die eigene Körper-Figur beschrieben, sondern nur das Anpassen eines gut sitzenden Basisschnittes hin zu eigenen Kreationen.

 

Das ist ein sehr großer Unterschied und nicht das, was ich erwartet hatte.

Ich bin enttäuscht. Zwar ist das auch ein gutes Thema, aber irgendwie fehlt es mir an Inhalt.

 

Wollte ich meine eigene Modelinie entwerfen, ist mein Lieblingsbuch "Fabric, Form and Flat Pattern Cutting von Winifred Aldrich, Blackwell Publishing von 2007" sehr viel besser: viel mehr Zusammenhänge, viel mehr Beispiele incl. sehr viel Hintergrundwissen bzgl. Schnittführung, Stoffauswahl und Umsetzung.

 

Bei dem Wort "Grundschnittmethode" bin ich gedanklich automatisch auch bei "individuellen Maßen", denn das Wort "Grundschnitt" ist der Schnitt, von denen Ableitungen stattfinden.

 

Zu einem "Basisschnitt bzw. Grundschnitt" zu gelangen (der perfekt sitzt) ist wie mit dem Weg nach Rom: viele Wege führen dorthin. Entweder man stellt komplett einen Schnitt selbst auf. Auch dafür gibt es Anleitungen, diverse Systeme, Bücher. Oder man nimmt einen schlichten Schnitt, den man dann auf seine Körperform anpaßt. Immer muß man wissen, was und wie man anpaßt, es ist keine Lotterie, sondern ein anspruchvolles Handwerk.

 

Ich frage mich die ganze Zeit, wieso ich mich so versehen habe. Habe ich etwas falsch verstanden? Falsch in Erinnerung? Wieso bin ich auf die Idee gekommen, daß ich in diesem Buch auch Informationen zur Maßanfertigung erhalte? Denn bei näherer Betrachtung steht auch im Vorwort nichts von Maßanfertigung, sondern die Autorin freut sich Anregungen zu geben, damit ihre Leser Designideen verwirklichen können.

 

"individuelle Maßgrundschnitte"

Ich habe schon an mir selbst gezweifelt, weil das Wort "Grundschnitt" für mich eindeutig ist. Es ist der Schnitt, von dem alle Ableitungen stattfinden. Selbstverständlich muß der Grundschnitt perfekt sitzen, denn andernfalls sitzen alle Folge-Modelle auch miserabel.

 

Ich weiß jetzt auch, wieso ich dachte, es wären Infos über Maßschnitte enthalten:

 

"... Damit können aus fertigen Grundschnitten individuelle Maßgrundschnitte als ideale Grundlage für den Entwurf... angefertigt werden."

 

Zu finden bei den Online-Beschreibungen des Buches u. a. auch unter https://www.stiebner.com/mode/schnittentwicklung/kleider-selbst-entwerfen-mit-der-grundschnittmethode.html

Abruf 27. März 2018

 

Da ist der Hase begraben. "Individuelle Maßgrundschnitte"- darunter habe ich das Anfertigen eines Maßschnittes verstanden, aus dem ich dann selbstverständlich alle weiteren Ableitungen tätigen kann.

 

Außerdem hat es mich verwirrt, daß eine "Ausbilderin in Schnittentwickling" nicht auf die individuellen Körper-Maße eingeht, wenn sie das Wort "Grundschnittmethode" benutzt.

 

Hosen sind nicht einfach in den Paßform-Änderungen und ich hätte gerne eine Anleitung zur Korrektur gehabt, damit ich mich dann an die wirklich spannenden Details wagen kann.

 

Grafik und Lesefreundlichkeit

Die Grafik finde ich verwirrend: Zuviele Schrifttypen durcheinander und dann auch noch diverse Grautöne, die teils auf Sand-farbenen Untergrund gedruckt sind, sodaß ich sie zwar lesen kann, aber nicht gut.

 

Ich bin eine Person, die erstmal liest um sich Arbeitsschritte und Informationen einzuprägen. Auch um zu wissen, was ich wo in meinem Buch finde. Gerade weil es ein Fachbuch ist, hätte es für mich klarer strukturiert sein können. Der Titel des Buches muß nicht auf jeder Seite des Buches stehen.

 

Die verwendeten Schriften und Farben machen meine Augen müde.

 

komischer Geruch

Außerdem riecht das Buch komisch. Meine Nase empfindet viele feine Unterschiede, die anderen Menschen vielleicht nicht so auffallen, mir schon.

 

Meine Lippen fangen an sich zu krispeln: das ist bei mir kein gutes Zeichen. Irgendetwas ist im Druck, im Papier, in der Farbe, egal wo, da ist etwas worauf ich allergisch reagiere.

 

Je länger ich in dem Buch lese, desto trockener wird der Mund und ich muß niesen. Das ändert sich auch nicht nach ein par Tagen.

 

Ich wollte eine Hose nähen.

Das mit der Hose-Nähen muß verschoben werden.

 

Ich habe im Moment keinen guten "Basisschnitt".

 

Drei Hosen habe ich schon nach Fertigschnitten genäht. Ich habe meine letzte Leinenhose aufgetrennt (nachdem sie so dünn war, daß man durchgucken konnte) und versucht den Schnitt abzunehmen, aber auch das ist schwer, weil der Leinenstoff sich (im Laufe der Zeit) verzogen hat.

 

Zuviele Versuche ohne Ergebnis, vielleicht brauche ich wie früher einen Nähkursus von einem Profi, der mich in der Paßform-Korrektur unterstützt. So komme ich nicht weiter.

 

Gedanken

Ich selbst bin Perfektionistin und mir ist häufig nicht bewußt, was ich alles kann. Meine "Lehrmeisterin" beim Nähen war eine gelernte Schneiderin, die jahrzehntelang für große Modehäuser gearbeitet hat und die sich mit Schnittführung sehr gut auskannte. Bei ihr habe Nähkurse besucht, als Nähen "total out" war und allein deswegen nähte ich so "wie die Industrie". Man hat niemals gesehen, das es selbst genäht war.

Heute nähe ich "leger". Ich mag es schlicht, reduziert.

 

Maßschnitte stelle ich immer noch selbst auf, allerdings nur für Kleider. Blöderweise habe ich mir damals keine Notizen gemacht, was ich bei Hosen beachten muß. Denn wenn ein Schnitt erstmal gut sitzt, dann kann man unzählige Hosen nähen. Damals habe ich nicht bedacht, daß sich die Figur ändern könnte. Denn das ist der Fall, selbst bei gleichbleibendem Gewicht, der Körper verändert sich permanent.

 

Heute ist Nähen "total in" und es ist "cool", wenn man das auch sagen kann. Es werden immer mehr Bücher, Zeitschriften, Kurse und von der Industrie ersonnene Hilfsmittel angeboten, denn alle wollen an diesem aktuellen Trend mitverdienen.

 

Es ist großartig, denn diese Zeit bietet auf einmal eine Fülle an, die es früher in dieser Form nicht gab. Schneiderkunst war ein großes Geheimnis, Bücher waren schon immer teuer. Heute, wo Schneider-Knowhow und Wissen ins Ausland und andere Kontinente verlagert ist, möchte der Laie erfahren, was seine Vorfahren noch konnten: Nähen war noch in den 1970er Jahren auch automatisch mit wenigen Schneider-Kenntnissen verknüpft, das eine kam ohne das andere gar nicht aus.

 

Heute ist alles anders. Selbst in den wenigen Jahrzehnten, in denen ich hier auf der Erde bin und Nähen kann hat sich vieles drastisch geändert.

Es ist anders, je nach Blickwinkel besser oder schlechter.

 

Fazit

Dieses Buch würde ich nicht verschenken, weil das Buch komisch riecht.

 

Ich bin zwar unzufrieden, aber das Buch hat auch seine guten Seiten:

Manche Menschen haben Norm-Maße und müssen selten oder nie Änderungen an den Fertig-Schnitten durchführen. Dann ist dieses Buch sicherlich gut und informativ. Um einen Einblick in die Möglichkeiten der Schnittführung zu erhalten ist dieses Buch auch nicht schlecht, denn es ist preiswert gegenüber Fach-Büchern. Das Buch ist so eine Art Vorstufe, denn leicht gibt man doppelt soviel Geld oder ein vielfaches aus.

 

Wahrscheinlich nähe ich schon zu lange und habe andere Bücher, mit denen ich besser zurecht komme in Bezug auf Design und Entwurf. Denn einige der Infos aus dem Buch erlernt man auch so im Laufe der Jahre in Nähkursen oder als Beilagen in Näh-Zeitschriften. Das dauert natürlich seine Zeit und sogesehen ist dieses Buch gut.

 

Der Titel mit Untertitel irritiert. Denn ein Grundschnitt (wie ich ihn verstehe) wird nicht erstellt, nicht korrigiert und nicht angepaßt. Auch gibt das Buch keinerlei Hintergrundinfos was es bei einer guten Paßform zu beachten gilt. Das wird anscheinend vorausgesetzt. Also doch nichts für Laien? Aus einem "gut sitzenden Basisschnitt" wird der Grundschnitt abgeleitet, der sogenannte "Basisschnitt" muß käuflich erworben werden.

 

Der Geruch des Buches geht mir nicht aus der Nase, Grafik und Lesefreundlichkeit finde ich auch Tage später unbefriedigend.

 

Das gute an der heutigen Buchwelt ist, daß wirklich jeder Mensch sein Buch findet, das ihn auf seinem eigenen Wissens-Stand abholt. Ich hoffe und wünsche mir, daß es seine Leserschaft finden wird, denn es steckt sehr viel Arbeit drin. Allein die Fotos sind mit sehr viel Liebe so "komponiert", daß die einzelnen Schritte für Laien sehr gut nachvollziehbar sind. Pluspunkt!

 

Ich für meinen Teil werde weiter recherchieren und mich weiter mit der Erstellung meiner Hose beschäftigen. Vielleicht finde ich ja eines Tages zu diesem Buch zurück.

 


Viel Glück!


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